AppGratis von Apple aus dem AppStore geworfen – eine Analyse der Situation

Gestern hat es nach AppShopper die nächste App-Empfehlungs App erwischt. AppGratis ist nicht mehr im App Store vertreten. Die App hatte täglich bis zu drei Apps zum Download empfohlen. Damit setzt Apple die Richtlinie weiter um, die Apps verbietet, deren einziger Inhalt die Empfehlung anderer Apps ist. Ich habe jetzt Einiges dazu gelesen, die meisten Berichte zeugen allerdings davon, dass man sich mit der Materie selbst nicht ausreichend auskennt. Deshalb schreibe ich jetzt einige Gedanken dazu auf.

Entwicklung der Empfehlungs-Apps

Die ersten Empfehlungsapps waren AppShopper und FreeAppaDay. Während die inzwischen von Apple gelöschte App AppShopper auf eine Gesamtübersicht mit Neuerscheinungen, Preisreduzierungen und Updates setzte, beschränkt FreeAppaDay sich auf täglich bis zu fünf „Empfehlungen“. Bereits Mitte 2010 lernte ich, dass diese Empfehlungen gekauft werden konnten und gekauft wurden.

Anfang 2010 begannen auch wir mit unseren App-Empfehlungen, die allerdings rein redaktionell entstanden. Wir starteten mit app-kostenlos.de und stellten jeden Tag aus der Vielzahl kurzfristig kostenloser Apps unsere Favoriten vor. Innerhalb weniger Wochen stieg die Zahl der Besucher unserer Seite auf erstaunliche Höhen. Schon nach kurzer Zeit wurden wir von Anfragen überhäuft, wie man denn auf unsere Seiten kommen könnte. So ging es auch Simon Dawlat von AppGratis, der zu dieser Zeit ebenfalls eine rein redaktionelle Seite in Frankreich gestartet hatte. Vorher hatte er allein über einen Newsletter seine Tagesempfehlungen verschickt.

In der Zwischenzeit waren viele auf den Zug aufgesprungen und neue Angebote mit App-Empfehlungen wurden jeden Tag gestartet. Die wenigsten davon hielten sich, aber ein paar Anbieter machten alles richtig und setzten auf ihre Blogs noch eine kostenlose App drauf, die den Nutzern jeden Tag die beste kostenlose App versprach. Diese Apps verbreiteten sich wie ein Lauffeuer und kamen innerhalb weniger Monate auf Millionen von Downloads. So wurden auch weitere Apps rausgebracht, die andere Märkte abdecken und dadurch stieg die Zahl abermals an.

Es entstanden auch Apps, die unsere Domainnamen übernahmen, so zum Beispiel App des Tages und App kostenlos oder Apps free. Der Unterschied zu uns war ganz einfach: Durch die Installation der Apps auf den Geräten der Nutzer mussten diese nicht mehr auf Internetseiten gehen, um die kurzfristig reduzierten Apps sehen zu können. Ein Fingertipp auf dem Display reichte. Später kamen auch die Push-Meldungen dazu, die direkt jeden Nutzer der App über das Angebot des Tages informierten.

AppGratis entwickelte sich besonders gut und startete nach und nach in 30 Märkten, in denen Apples App Store vertreten ist. Simon Dawlat hatte verstanden, dass App Entwickler insbesondere in den internationalen Märkten, die nicht englischsprechend sind, Hilfe benötigen. Heute hat AppGratis über 6 Millionen Nutzer, von denen rund eine Million Nutzer die App täglich öffnen. Wir sehen hier eine Hockeystick-Entwicklung, denn nach relativ normalem Wachstum kamen nach Angaben von AppGratis  in den letzten Tagen vor dem Rausschmiss bis zu 300.000 neue Nutzer hinzu.

Einnahmensituation dieser Empfehlungsapps

Wenn in einer App wie AppGratis oder App des Tages eine bestimmte App empfohlen wird, wird dazu ein zumeist sehr kurzer Vorstellungstext verfasst und die Empfehlung geht per Push-Nachricht an alle, die die Empfehlungsapp installiert haben. So werden zeitgleich Millionen Nutzer auf die App aufmerksam und – je nach vorgeschlagener App – lädt ein gewisser Prozentsatz der Addressaten die App auf sein Gerät.

Durch die Downloads steigt die App in die Charts auf, was sie für weitere Nutzer sichtbar macht. Es folgen also Folgedownloads von den Nutzern, die die Empfehlungsapp nicht installiert haben. Eventuell schreiben auch Blogger über die plötzlich sichtbare App und erhöhen so die Downloads nochmal.

Alle diese Effekte zahlen auf das Konto der Empfehlungsapp ein. Diese kann garantieren, dass eine App, die dort beworben wird, in die Charts kommt und hunderttausende Downloads pro Markt, in dem die EmpfehlungsApp aktiv ist, erreichen wird.

Jetzt gibt es zwei Zahlvarianten: Entweder der Pauschalpreis für die Vorstellung (oft um die 20.000 Euro pro Tag) oder die Vergütung per Installation. Hier werden, je nach App, bis zu 2 Euro pro Download bezahlt.

Wer also eine weitverbreitete Empfehlungs-App oder besser eigentlich AppVermarktungsApp hat, kann damit pro Tag 20.000 bis eine 100.000 Euro einnehmen – und das bei sehr geringen eigenen Kosten. Dass das die Kapitalgeber anzieht, versteht sich von selbst.

AppGratis machte zuletzt pro Monat etwa eine Million Dollar Umsatz. So konnte AppGratis im Januar 2013 unter Führung der französischen  Iris Capital und mit Beteiligung von Orange Publicis Fund 13,5 Millionen Venture Kapital einstreichen. Sophie Dingreville, Partner bei Iris Capital sagte, dass AppGratis ein Gewinner im internationalen App Markt sei, der in 2015 auf 25 Milliarden Dollar geschätzt wird. Dieses Geld war dazu gedacht, das Wachstum nochmals zu beschleunigen.

Dass ein VC-Unternehmen wie Iris Capital im Januar 2013 dieses Geld einsammelt, obwohl die neue Regelung seit Oktober 2012 bekannt war, zeigt, wie langsam die Entscheidungsprozesse bei VCs sind. Ich hatte selbst mal mit Iris Capital zu tun, der Zeitraum von der Kontaktaufnahme durch Iris Capital bis zum tatsächlichen Investment sollte etwas über sechs Monate dauern. Eine Beschleunigung war nicht möglich, obwohl es in dem Fall notwendig gewesen wäre.

Gründe für die Präsentation der eigenen App in Empfehlungsapps

Der Entwickler der beworbenen App kann mit der Werbung in den Empfehlungsapps verschiedene Ziele verfolgen:

  • Steigerung der Downloadzahlen
  • Verbreiterung der Nutzerbasis
  • Auffallen im App Store
  • Investoren mit Downloadzahlen beeindrucken
  • Mehr In-App-Käufe generieren
  • Eigene App als Werbemedium interessanter machen

Natürlich möchte jeder App-Herausgeber möglichst viele Downloads erreichen. Insbesondere wenn die App zur Markenpflege einer großen Marke gehört, sind hier auch ordentliche Budgets vorhanden.

Gerade Community-basierte Apps, wie zum Beispiel Chat-Apps oder Flirt-Portale, benötigen möglichst viele Nutzer bis in die lokale Ebene, da die bestehenden Nutzer sonst schnell das Interesse verlieren. Es müssen also konstant neue Nutzer gewonnen werden, damit die bestehenden Nutzer aktiv bleiben.

Auffallen im App Store kling profan. Bei rund 800.000 im App Store vertretenen Apps geht es aber genau um das. Nur wer sich in den Charts weiter vorne platziert oder von Apple promotet wird, wird wahrgenommen. Hunderttausende Apps werden gerade mal 100mal runtergeladen, viele erreichen nicht mal diese Zahl.

Venture Capital Geber und Business Angels wollen mit guten Zahlen beeindruckt werden. Also kann es durchaus eine geschickte Rechnung sein, 20.000 Euro zusammenzukratzen und mit sprunghaft angestiegenen Downloads auf die Suche nach Kapitalgebern zu gehen. Wenn dann einen Millionenbetrag auf dem Firmenkonto zur Verfügung steht, hat sich die Anfangsinvestition bezahlt gemacht. Es gab solche Fälle öfter und es wird sie auch weiter geben. Grundsätzlich laufen viele VCs einfach den Trends hinterher und Gier macht bekanntlich blind. Ist der VC erstmal an Bord, kann man ohne Geldsorgen die App besser machen und sich um das Geschäftsmodell kümmern.

In-App-Käufe sind ein Segen für die Entwickler und eine Pein für die Nutzer. Viele der in den Empfehlungs-Apps beworbenen Apps sind Spiele und Anwendungen, die psychologisch außerordentlich geschickt gemacht sind. Man wird erst an die App gewöhnt und wenn man sie regelmäßig nutzt, kommt die Bezahlschranke oder man braucht Funktionen, die man nur per Kauf freischalten kann. Das beschert den Entwicklern regelmäßige Einnahmen. Und so gibt es immer mehr Apps nach dem Freemium-Modell, die man zwar kostenlos laden kann, die aber zum Teil sehr teure In-App-Käufe bieten. Bei Spielen sind In-App-Käufe bis zu 89 Euro inzwischen normal. Um die Marketing-Investition wieder rauszubekommen, reicht es, wenn 1000 Nutzer der App für durchschnittlich 20 Euro etwas kaufen. Das wäre bei 500.000 Downloads gerade mal 2 Prozent.

Viele Apps setzen auch zusätzlich oder ausschließlich auf Werbung für andere Apps in ihrer eigenen Anwendung. Da gibt es eine breite Range an Möglichkeiten:

  • Einmaliges Aufpoppen einer Anzeige für eine andere App beim Start der App
  • Wiederkehrende Anzeigen, die bei Spielen gerne dort eingeblendet werden, wo der Spieler tippen muss)
  • Promotion-Videos, die man sich ansehen muss, bevor die eigentliche App sich öffnet
  • Integration von tapjoy
  • Anzeigen, die oft sehr geschickt positioniert werden, so dass man unabsichtlich darauf tippt

Es gibt noch viele weitere Möglichkeiten zur Einbindung von Werbung. Ich habe mich hier nur auf die am Häufigsten auftretenden Werbeformen beschränkt. Je mehr Nutzer eine App hat, desto attraktiver ist der Erlös durch Werbung. So kann es sinnvoll sein, mit Hilfe einer „Empfehlungsapp“ in die Charts zu kommen und dann mit den Werbeeinnahmen ein möglichst dauerhaften Stream an Werbegeldern zu erreichen.

Nutzertäuschung als erfolgreiche Geschäftsstrategie

Ein Aspekt bei den Empfehlungsapps ist auch, dass hier die Nutzer in vielen Fällen ganz bewusst getäuscht werden. Während wir zum Beispiel für app-kostenlos.de jeden Tag mehrere gerade kostenlose Apps testen und die Besten daraus dann redaktionell vorstellen, kauft man sich bei den meisten Empfehlungsapps einfach ein. Das bedeutet, dass deren Tipps dann eigentlich als Werbung gekennzeichnet werden müssten. Werden sie aber bei den meisten Apps dieser Art nicht. Und so wird dem Nutzer suggeriert, dass die vorgestellte App tatsächlich die beste App des Tages sei, obwohl es andere Apps gibt, die vielleicht deutlich besser und auch gerade kostenlos sind.

Ein weiterer Trick ist es, dem Nutzer zu suggerieren, dass die App nur am Vorstellungstag kostenlos sei. Das beobachte ich oft bei dauerhaft kostenlosen Apps. Hier wird also ganz bewusst falsch informiert, um dem Nutzer das Gefühl zu geben, dass er diese App am Besten sofort laden sollte. Manche dauerhaft kostenlosen Apps werden auch nur für einen Tag auf kostenpflichtig gesetzt, um dann als kurzfristig kostenlose App des Tages beworben zu werden.

Auch das Einsparpotenzial wird verfälscht. Über 50% der kurzfristig kostenlosen Apps wird ein paar Tage vor der Aktion im Preis deutlich raufgesetzt. So kann man dann behaupten, dass der Nutzer gleich 4,49 Euro mit dem Download spart – obwohl die App sonst auch nur 89 Cent kostet.

Es gibt also eine ganze Menge Tricks, mit denen man beim Nutzer den Eindruck erwecken kann, dass nur der sofortige Download die maximale Einsparung beim Preis bewirkt. Das sind Dirty-Tricks, die aber im App Store häufig vorkommen.

Apple muss sich verteidigen

Natürlich werden jetzt Stimmen laut, die gegen Apple wettern. Wie kann man einfach so Apps löschen? Wie mies ist das denn?

Wenn man die Situation ohne Emotionen betrachtet, fällt Folgendes auf. Die „Empfehlungs-Apps“ sind eigentlich Parasiten oder Viren im App Store, die sich sehr schnell ausbreiten und alle Charts befallen. Sie schaffen Downloadzahlen, die allein durch das Zahlen von Geld entstehen und den kleineren App Entwicklern keine Chance lassen. Da die Chartplätze begrenzt sind, können wenige dieser Apps die Charts komplett für andere blockieren.

Das ist aber nur der erste Punkt, ein anderer wiegt mindestens ebensoschwer:

Durch die Investition nutzen die in Empfehlungsapps werbenden App Entwickler oft grenzwertige Maßnahmen, um ihr Geld wieder reinzubekommen und möglichst viel darüberhinaus zu verdienen.

Positive Bewertungen im App Store sind wichtig. Eine 5-Sterne App wird deutlich häufiger geladen, als eine 2-Sterne-App. Auch hier gibt es einen Trick, wie App-Herausgeber viele gute Bewertungen bekommen können. Man „kauft“ die Bewertungen von den Nutzern, indem diese nur dann weitere Funktionen oder Spielgegenstände in der App freischalten können, wenn sie eine gute Bewertung abgeben. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Nutzer dieses Spiel dann für ihren kleinen Vorteil bereitwillig mitspielen und so der App zu weiteren Downloads verhelfen. Denn damit werden oft die Apps promotet, die diese Bewertungen nicht verdient haben.

Das alles schlägt sich mit etwas Verzögerung auf die Nutzererfahrung der Nutzer im App Store und schließlich auch mit iPhone, iPod Touch und iPad nieder. Der Nutzer wird insgesamt unzufriedener, denn die App nervt zum Beispiel mit immer wieder aufpoppender Werbung. Oder die App bietet – obwohl als Vollversion angepriesen – nur ein paar Level zum Ausprobieren und soll dann doch bei In-App-Kauf zur Vollversion freigeschaltet werden.

Und das ist dann ein Ergebnis dieser „Empfehlungs-Apps“, mit dem die Zufriedenheit der App Store Nutzer reduziert wird. Und das will und muß Apple verhindern.

Die Zukunft von AppGratis

Die Entscheidung von Apple bedeutet nicht das Aus für AppGratis. Der Verlust der Plattform App Store für das weitere Wachstum  wiegt natürlich schwer. Doch die 6 Millionen Nutzer, die die App AppGratis auf ihren Geräten haben, bleiben zunächst erhalten. Allerdings darf man auch nicht vergessen, wie AppGratis gestartet wurde. Mit Webseiten und Newslettern. Und auch damit kann man im App Store sehr viel bewegen, wie wir täglich an unseren Webseiten sehen.

Natürlich ist der Rauswurf aus dem App Store ein erheblicher Rückschlag – mit dem Finanzpolster und den Partnern wird man sich entweder neu erfinden oder tatsächlich das bestehende Fundament des Erfolges weiter ausbauen.

Es ist zu erwarten, dass AppGratis nun verstärkt den Android-Markt angreifen wird, denn hier ist weniger Regulierung zu erwarten und viele der Kunden bieten ihre Apps natürlich auch für Android an.

Mit der Kapitalstärke kann die Firma zudem auch leicht weitere Anbieter (und local Heros) übernehmen und so die Nutzerbasis wieder steigern.

Wer ist der Nächste?

Diese Frage bewegt den Markt. Ich wurde heute schon gefragt, wenn ich als Nächstes auf der Abschussliste von Apple sehe. Ich könnte nun eine Liste veröffentlichen, die ziemlich genau auflisten wird, wen es als Nächsten treffen wird. Verzeihen Sie bitte, dass ich das nicht machen kann. Es juckt mir zwar gerade in den Fingern, einen Satz aus den betreffenden App-Namen zu bilden, aber ich lasse es lieber.

Unsere Strategie

App Agency hat sich auf die Beratung von App Publishern spezialisiert und dabei die eigenen Seiten sukzessive weiter ausgebaut. Wir sind heute in Deutschland mit mehreren eigenen Seiten recht groß, dazu in Österreich und England vertreten. Unser Beratungsansatz unterscheidet sich deutlich von den Empfehlungs- oder Marketing-Apps, die oft für den Publisher nur einen kurzzeitigen Erfolg erkaufen. Unsere Beratung zielt auf eine nachhaltige Marketing- und PR-Unterstützung für App-Publisher. Durch unsere Seiten können wir ebenso jede App in die Charts bringen – aber das ist für uns nur ein Teil der nachhaltigen App Vermarktung.

Und noch etwas unterscheidet uns sehr deutlich: Gesponsorte Beiträge auf unseren Seiten werden als solche gekennzeichnet. Wir machen also bei der Vermischung von Werbung und redaktionellem Inhalt nicht mit.

(Markus Burgdorf)

 

 

 

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